12.3.1945 – der größte Luftangriff des 2. Weltkrieges

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Als am Nachmittag des 12. März 1945 Luftalarm für den Luftschutzbereich Dortmund ausgelöst wurde und die Sirenen heulten, ahnten die in der Stadt verbliebenen ca. 450 000 Bewohner nicht ansatzweise, dass sie den größten alliierten Luftangriff des zweiten Weltkrieges auf eine deutsche Stadt erleben sollten. Die Innenstadt Dortmunds war durch insgesamt 5 Großangriffe bereits zu über 90 % vollständig zerstört. Was aber am 12. März 1945 folgte, muss für die Überlebenden wie ein Erlebnis der Apokalypse gewirkt haben.

Ein Zeitzeuge, der am 12.3.1045 bei der 10. Flakdivision als Unteroffizier / Offiziersanwärter Dienst tat, berichtet:

Wir erhielten am Nachmittag des 12.03.1945 Meldungen, dass sich große alliierte Bomberverbände mit massiver Jagdunterstützung im Anflug auf das östliche Ruhrgebiet befanden und konnten diese Verbände auch im Fernradar erfassen. Die Bomberverbände flogen aus Holland über das Münsterland kommend von Nordwesten auf Dortmund zu, so dass Luftalarm für Dortmund gegeben wurde. Überraschend drehten die Verbände dann aber nördlich von Dortmund und flogen entlang der Lippe nach Osten. Nun wurde Hamm gewarnt. Hamm war als wichtiger Eisenbahn-Knotenpunkt schon mehrfach Ziel amerikanischer Tagangriffe geworden aber dieser Großverband von 1100 viermotorigen Bombern, ca 90 zweimotorigen Bombern als Pfadfinder, Zielmarkierer und Einzelzielangreifer und ca 400 Begleitjägern war das typische Aufgebot für Flächenangriffe auf Großtädte. Er bestand zu großen Teilen aus Staffeln mit den “fliegenden Festungen” genannten viermotorigen B17 Bomber der USAF (US-Air Force), aus Verbänden mit englischen viermotorigen Lancaster-Bombern der RAF, aber auch aus modernen B 29 Bombern der USAF, dem viermotorigen Bombertyp, der im August 1945 die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki werfen sollte und die in mehr als 10 000 m Flughöhe für die 8,8 cm Standard-Flak nur schwer erreichbar waren. Plötzlich aber meldeten die Luftbeobachter und das Fernradar, dass der Großverband östlich von Dortmund nach Westen wendete. Nun war klar: Dortmund war das Ziel eines Großangriffes.

Obwohl zwischenzeitlich keine Entwarnung gegeben worden war, wurde für Dortmund erneut Luftalarm gegeben. Die Bevölkerung war Luftalarm und Luftangriffe leidlich gewöhnt und sehr erfahren. Üblicherweise vergingen 15-20 Minuten nach dem Luftalarm bis Flak-Sperrfeuer einsetzte und erste Bomben fielen. Spätestens dann sollte man einen sicheren Schutzraum, den es im Ruhrgebiet als Hauptangriffsgebiet der alliierten Bomberverbände ausreichend gab, erreicht haben. An diesem Nachmittag aber fielen die ersten Bomben nur 5 Minuten nach dem zweiten Luftalarm. Viele Bewohner hatten nach dem ersten Luftalarm sichere Schutzräume in Bunkern aufgesucht oder waren umgekehrt oder hatten diese sicheren Schutzräume wieder verlasen, als Hamm als vermeintliches Ziel gewarnt wurde oder man eben annahm, dass der Großverband weiter nach Osten ins Reichsgebiet einfliegen würde. Das dumpfe Brummen der Flugmotoren der schweren viermotorigen Bomber war kilometerweit zu hören und anfänglich war es bedrohlich näher gekommen um dann abzuschwellen beziehungsweise im nördlichen Vorbeiflug an Dortmund konstant zu bleiben.

In der “4m-Basis”, einem elektronisch-optischen Richtgerät für die Flak, konnte der Anflug der ersten Bomberstaffeln genau beobachtet werden. Die Meldungen lauteten in schneller Folge: Bomber in Abwurfformation, Höhe 10 000, dann: Bombenklappen auf, und schließlich: Bomben fallen! Diese Meldungen waren eigentlich verboten, da unerfahrene Flak-Besatzungen bei “Bomben fallen” in Panik geraten konnten, wurden aber gegeben.

Der erste “Bombenteppich” traf von Brackel bis über die Innenstadt entlang des Hellweges dicht bebautes Gebiet. Viele Menschen schafften es nicht mehr in die sicheren Bunker und wurden auf der Straße von Bomben zerrissen. Andere flüchteten hastig in die behelfsmäßig als Luftschutzräume ausgebauten Keller und kamen dort um, da anders als bei bisherigen Luftangriffen die Bombenlast nicht überwiegend aus Brandbomben sondern aus schweren Sprengbomben der Kaliber 250 und 500 kg sowie aus ca 2000 kg schweren Luftminen bestand. Viele der Opfer starben in den Luftschutzkellern an Lungenrissen in Folge der Druckwellen der schweren Sprengbomben und Luftminen. Aber auch Bunker waren gegen die schweren 500 kg Bomben bei Volltreffern nicht mehr sicher. So erhielt die Eingangsschleuse des im Westfalenhaus an der Kampstraße gelegenen Bunkers einen Volltreffer und mehr als 150 Menschen erstickten in dem verschütteten Bunker. Ein weiter Bunker am heutigen Eingang “Kaiserhain” des Westfalenparks erhielt einen Volltreffer und dort kamen ca 200 Menschen um. Bei der Bergung der Opfer am Folgetag mussten wir als Wehrmacht im Rahmen der Katastrophenhilfe mithelfen. An der Kreuzung “Opphoff” gab es einen riesigen Bombentrichter als Folge eines Luftmineneinschlages und eine dort verlaufende 1 m im Durchmesser umfassende Hauptwasserleitung war gerissen.
Der zweite Bombenteppich wurde von der USAF entlang der B1 von der Gartenstadt aus bis zur Schnetterbrücke und in einer Breite von ca 1,5 km geworfen und traf auch die südliche Innenstadt im Bereich Hainallee, Kreuz- und Klinikviertel. Das im Bereich der schon 1943 zerstörten Westfalenhalle gelegene große Kriegsgefangenenlager STALAG VI D mit überwiegend in der Rüstungsindustrie eingesetzten russischen Kriegsgefangenen wurde ebenfalls von schweren Sprengbomben getroffen und weitgehend zerstört. Nach meinen Kenntnissen sind dabei weit über 1000 Kriegsgefangene umgekommen. Schon 1943 war das Lager schwer getroffen worden und es hatte mehr als 2500 Tote dort gegeben. Von den mehr als 5000 auf dem Hauptfriedhof bestatteten überwiegend russischen Kriegsgefangenen starb die größte Zahl bei alliierten Luftangriffen.

Der dritte Bombenteppich traf die nördlichen Bereiche der Innenstadt. Die Alliierten hatten offenbar nicht mehr mit wirksamer Flakabwehr gerechnet, die aber bestand durchaus noch. Im Osten standen schwer 12,8 cm Eisenbahn-Flakbatterien, unter anderem auf Industriegleisen in Aplerbeck, die den in dichter Formation fliegenden Bomberverbänden schwere Verluste zufügten. Zwei USAF-Soldaten, die aus einer abgeschossenen Maschine mit dem Fallschirm abgesprungen waren, landeten im Schürener Feld und wurden dort von Schürener Bürgern noch während des Angriffes gelyncht, bevor eine entsandte Wehrmachtsstreife die beiden Amis ergreifen konnte. Als Luftwaffensoldaten konnten wir einerseits die Wut der Bevölkerung auf die alliierten Terrorflieger verstehen aber wir wussten, dass diese Tat gegen das Kriegsrecht verstieß und hatten durchaus Mitleid mit den beiden Getöteten. Am folgenden Tag wurden die beiden Leichen geborgen, die Erkennungsmarken sicher gestellt und dem internationalen Roten Kreuz gemeldet. Als Todesursache wurde jedoch “Tod durch Abschuss” vermerkt. Das machte durchaus Sinn, denn am 18.03.1945 wurde ein US-Jagdbomber bei Dortmund-Asseln abgeschossen und der Pilot durch einen örtliche SA-Führer erschossen. Das wurde in einem Polizeibericht vermerkt und nach dem Krieg wurden die Beteiligten von einem US-Militärgericht verurteilt und der SA-Führer hingerichtet. Dabei waren die “Jabo-Piloten” oft ganz üble Verbrecher, die in tausenden von belegbaren Fällen sogar Jagd auf Schulkinder und Bauern bei der Feldarbeit machten. An einen Jabo-Angriff auf einen Doppelwagen der Dortmunder Straßenbahn auf der Rheinischen Strasse, der mehr als 100 Tote Zivilisten forderte, kann ich mich noch gut erinnern.

Auch am 12. März gab es in den Randbereichen von Dortmund massive Jabo-Angriffe. Insofern glaube ich auch den Augenzeugenberichten von Dresden, die von Jabo-Angriffen auf die Flüchtlingsströme berichten, die aus der nach dem Terrorangriff vom 13/14. Februar 1945 und der im Feuersturm brennenden Stadt entlang der Elbe flüchteten. Ab Spätsommer 1944 war die alliierte Luftüberlegenheit so markant, dass alliierte Begleitjäger oft voll aufmunitioniert in das Reich einflogen und mit voller Beladung auch wieder den Rückflug antraten, da sie kaum Luftgefechte mit deutschen Jagdfliegern mehr führen mussten. Es war bekannt, dass die Begleitjäger je nach Bedrohungslage in Teilen von den Bomberverbänden abdrehen durften und im Tiefliegerangriffen bis zu 70 % ihrer Munition auf Ziele wie Eisenbahnzüge, Lkw-Kolonnen oder andere “empfindliche” Ziele einsetzen durften. Das taten große Teile der US-Begleitjäger dann auch am 12. März 1945 und griffen in Dortmund-Aplerbeck unter anderem einen am Südbahnhof angehaltenen Zug an.

Im weiteren Verlauf des Großangriffes flogen die letzten Bomberstaffeln direkt von Norden auf das Stadtgebiet zu, da sie vermutlich über Funk vor der starken Flakabwehr im Osten gewarnt worden waren. So bekamen auch nördliche Bereiche wie Derne und Eving und westlich Stadtteile wie Dorstfeld und Huckarde Angriffe ab und ein Bombenteppich reichte in Nord-Süd-Richtung von der südlichen Innenstadt bis nach Hörde. Als der Terror-Luftangriff beendet war, brannte die Stadt in allen getroffenen Bereichen, die noch brennbare Bausubstanz umfasst hatte und die erneut umgepflügten Trümmerfelder der Innenstadt waren im Zerstörungsgrad höher bewertet als Dresden. Mehr als 6000 Menschen waren umgekommen. Diese Zahlen wurden aber geheim gehalten, da man Panik unter der Bevölkerung vermeiden wollte. Viele Opfer waren auch Fremdarbeiter und Kriegsgefangene. Die Opfer wurden in den Folgetagen in riesigen Massengräbern auf dem Hauptfriedhof beerdigt. Als Ehrenformation haben wir für die gefallenen Kameraden und die vielen getöteten Zivilisten, Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter dort Salut geschossen. Als besonders perfide Kampfmittel warfen die Bomber gegen Ende des Angriffes 250 und 500 kg Bomben mit Säure-Langzeitzündern, die verzögert detonierten und so die aus den zerbombten und brennenden Gebieten flüchtenden Menschen auf den Straßen und insbesonders anrückende Rettungs-und Feuerlöscheinheiten der Feuerwehr und Luftschutzhelfer, oft auch Jugendliche der HJ und Fremdarbeiter darunter, in den Tod rissen.

Heutzutage empfinde ich es als große Schande, dass den Opfern dieses Luftangriffes von den Herrschenden nicht ansatzweise gedacht wird.

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18 Kommentare

    • Alliierte Terrorbomber! Kausalitäten werden hier vergessen. Andere Länder mit V2 Raketen beschiessen! 27 Millionen Opfer in Russland! Griechische Landbevölkerung wegen nichts und wieder nichts ausradieren. In dem Bericht werden perfide Säure-Langzünder erwähnt. Ich habe mir Dachau und Buchenwald angesehen. Mit welchem perfiden Sadismus dort Menschen umgebracht wurden… Ich schäme mich für Deutschland in Grund und Boden für diese Taten. Was wären unsere Städte heute schön ohne diesen schwanzlosen Gesellen Hitler.

  1. An unsere etablierten Politiker:
    Wut und Trauer sind Gefährten auf jeder Seite des Krieges. Wer aber das Gedenken an die Opfer kriminalisiert, ist ein Charakterschwein und Menschenfeind.

  2. Das schlimme ist, sie machten ja nach 45 munter weiter die Demokratiebringer! Vietnam, Irak, Afganistan um nur einige Länder zu nennen. Wieviele Menschenleben hat der Bomben- und Drohnenterror weltweit wohl auf dem Gewissen?
    6 Millionen?!

    • Geh´ schlafen! Entspannt und macht den eigenen Duktus etwas erträglicher für seine Mitmenschen. Den Vergleich mit den 6 Mio ermordeten Juden habe ich überdies erkannt. Da verbietet sich einfach jeder Kommentar!

  3. @ horst s.

    6 Mio. sind eventuell etwas knapp, wenn allein der letzte Irak-Krieg nach einigen Schätzungen 1 Mio. getötete Zivilisten gefordert hat.

  4. 6 Mio. oder inzwischen schon etwas mehr müsste allerdings die Zahl der Opfer von Abtreibungen in Deutschland sein. Aktuell so um 300.000 pro Jahr. Andere Länder haben da sicher noch mehr, Russland z.B. wo Abtreibung als eine Art Vergütung gilt. Aber in Russland spielten Menschenleben noch nie eine so grroße Rolle.

  5. @Heike
    Wenn man davon ausgeht, das in Russland oft die Leute täglich erheblich trinken.
    Wenn eine Frau dann nach Wochen, vielleicht erst Monaten merkt das sie schwanger ist, ist es vielleicht leider die bessere Lösung abzutreiben.
    Natürlich nur wenn man genau weiß, daß das Kind Schaden genomen hat.

  6. Pingback: Lancaster: Der Zweite Weltkrieg größte Bomber | INFOBLOGHUB.COM

  7. Thomas Reuter on

    Kommt rüber wie ein Zeitzugenbericht…. aber der Kommentar am Ende… ich weiß ja nicht. Scheint mir ehr modernerer Feder entsprungen…

  8. Ich bin nach 1945 geboren 1969…..So mal zu Euch allen hier ..Ich Schäme mich nicht für mein Land und ich freue mich als Deutscher geboren worden zu sein ….Ich habe nichts mit den 6 millionen ermordeten juden zu tun also brauche ich mich auch nicht als Nazi beschimpfen zu lassen …Die Schuld geht nicht alleine von Deutschland aus !!!…Alle Damals müssen wircklich Hirnverbrannt gewesen sein So einen Wltenbrannt angefacht zu haben !!!!!…Man sieht nur wie Machtgeil und Mordbesessen alle Millitärs gewesen sind …Ja auch die lieben Alliirten ….Deutschland 6 Millionen Juden..Sowjetunion 26 Millionen eigene Leute !!!!…Amerika …Der oberrassist schätzungsweise nach 45 40 millionen zivilisten …So wo ist der Unterschied ??? …In meinen Augen egal aus welchen Land ..Alles waren Mordlüsternen Perverse Massenmörder !!!!!…….Ich hoffe das deren Seelen keine Ruhe mehr finden …Ekelhaft so was ….

    • tja bei so manchen kommentaren merkt man wie die westliche propaganda doch sehr stark gewirkt hat. macht euch mal an den richtigen stellen schlau und plappert nicht alles nach,sondern hinterfragt mal. wir waren vor dem 2.WK ca. 68 mio einwohner danach nur noch 48 mio. also ca. 20 mio sinnlos ermordet.davon ca. in anführungsstriche nur ca. 2 mio soldaten.der rest waren zivilisten: frauen,greise und kinder etc.., die Ziele waren keine strategischen sondern lt. churchill und roosewelt sollte nach zitaten der 2 verbrecher ,soviele deutsche wie möglich getötet werden.bitte mal rheinwiesenlager recherchieren usw. usw………mann,mann,mann…….

  9. Ich habe als Kind diesen Bombenangriff in einem Keller über-
    lebt.Das Dröhnen und die Bombenexplosionen habe ich nach 72 Jahren noch in den Ohren und ich träume noch davon.
    Es lässt mich bis heute nicht los.Um uns hat sich niemand
    gekümmert!

    lebt

    • Lieber Wolfgang,

      doch, es gibt den Verein Kriegskinder und uns: http://www.kriegsenkel-dortmund.de Das Kriegstrauma wird an die Kriegsenkel (ca. 1955-1970 Geeborene) übertragen. “Transgenerationale Weitergabe ”

      Von Zeit zu Zeit treffen wir uns auch mit Kriegskindern, da in den meisten unserer Familien geschwiegen wurde, und wir uns über jeden Austausch freuen,
      Herzliche Einladung zu uns. Termine siehe Internetseite.

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