„ZEIT“-Artikel über die Nordstadt: Vom „Libanesenjäger“ und einem cholerischen Oberbürgermeister

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Drogenhandel, Eigentumsdelikte, Prostitution, Massenverelendung: Obwohl die Situation auf den Straßen der Nordstadt alarmierend ist, versuchen etablierte Politiker – und auch die Führung der Polizei – einen angeblichen Aufschwung des Stadtteils herbeizureden. Jüngst veröffentlichte die „Zeit“ in ihrer Druckausgabe einen ausführlichen Artikel, welcher den Niedergang des einstigen Arbeiterstadtteils aufzeigte und auch den direkten Zusammenhang mit der Masseneinwanderung dokumentierte. Während sich linksextreme Leser darüber aufregen, dass sich ein Polizeibeamter (in Anspielung auf den Kampf gegen libanesische Drogenclans) als „Libanesenjäger“ bezeichnet und dahinter institutionellen Rassismus wittern, liegt der eigentliche Aufreger in einem Mann, der wie so oft die Fassung verliert: Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) ist offenbar gegenüber den Reportern der Zeit regelrecht ausgerastet und hat diese angeschrien, nachdem diese das „offizielle“ Bild eines Stadtteils, der auf dem aufstrebenden Ast sei und den Sierau ernsthaft mit dem Londoner Luxusviertel Notting Hill vergleicht, kritisch hinterfragten und gar das böse „Ghetto-Wort“ in den Mund nahmen. Aus rechtlichen Gründen ist es dem „DortmundEcho“ leider untersagt, den Artikel der Zeit zu veröffentlichen, doch mittlerweile kursiert eine Textveröffentlichung im sozialen Netzwerk Twitter. Nachfolgend jedoch einige Textpassagen, welche die Realität in der Dortmunder Nordstadt ungeschminkt wiedergeben und für jeden Bürger ein Alarmsignal sein müssten, endlich diejenigen in unserer Stadt aus ihren Positionen zu verdrängen, welche diese Zustände – bewusst – geschaffen haben!

Übrigens: Dass sich Oberbürgermeister Ullrich Sierau als Kritiker der EU-Osterweiterung und dem damit verbundenen, unkontrollierten Zuzug von tausenden Sinti und Roma aus Bulgarien bzw. Rumänien ausspricht, ist auch neu. Bisher wurde diese Forderung ausnahmslos durch die nationale Opposition um die Partei DIE RECHTE vertreten, während Sierau regelmäßig die vermeintlich tolerante Stadt Dortmund hervorhebt, welche genau diese Osteinwanderung sogar noch bejubelt. Aber es ist eben Wahlkampfzeit und irgendwer muss die Probleme Dortmunds schließlich verursacht haben – natürlich nicht der Oberbürgermeister selbst, so Sierau…

Einige, hervorzuhebende Textpassagen des Zeit-Artikels:
(den kompletten Artikel gibt es in der Druckausgabe!)

Als Angela Merkel von “No-go-Areas” in Nordrhein-Westfalen sprach, meinte sie Viertel wie die Dortmunder Nordstadt: 60.000 Menschen, 41.500 Migranten, 24 Prozent Arbeitslosenquote. Hört sich nicht gut an. Aber was ist die Wirklichkeit hinter den Zahlen?

Während drinnen der Oberbürgermeister vom Potenzial des Viertels schwärmt, von den schönen Altbauten, den traumhaften Parks, steht draußen auf der Mallinckrodtstraße, direkt vor der Tür der Behörde, ein junger Mann, das Gesicht von der Kapuze seines Pullovers verdunkelt, und fragt: “Koka? Shore? Pillen?” Jedem, der nach potenziellem Kunden aussieht, bietet er an, was er bei sich hat, Kokain, Heroin, Ecstasy-Tabletten. Ein dürres Mädchen holt einen 10-Euro-Schein aus der Hosentasche. Der Mann nickt. Keine Worte, nur Gesten, rasch und vertraut. Er nimmt den Schein, steckt ein abgepacktes Beutelchen zwischen ihre Finger. Fertig.

Knapp 60.000 Menschen wohnen in der Nordstadt, davon 41.500 Migranten. Die Stadtverwaltung spricht von einer “vielfältigen Bevölkerungsmischung”, verbitterte Anwohner von “Kanaken-Ghetto”. Es gab mal die Idee, einen Teil der Universität in das Viertel zu integrieren. Stattdessen entschied man sich für ein Jobcenter. Denn kaum jemand hier besucht Vorlesungen, dafür knapp 14.000 Menschen einen Jobvermittler. Die Arbeitslosenquote liegt mit 24 Prozent doppelt so hoch wie im Dortmunder Durchschnitt. Jedes zweite Kind in der Nordstadt lebt von Sozialleistungen.

Es gibt eine Studie der Soziologen Sebastian Kurtenbach und Aladin El-Mafaalani, die sich gefragt hatten, warum es trotz dieses Engagements nicht aufwärtsgeht mit dem Viertel. Das Ergebnis: Die Investitionen, wie beispielsweise in Hausaufgabenbetreuung, Jugendarbeit und Musikprojekte, lohnen sich. Aber nur für den Einzelnen. Dem Stadtteil helfen sie nicht. Denn die Geförderten ziehen fort, sobald es ihnen besser geht. So werden Aufsteiger zu Aussteigern. Zurück bleibt die Nordstadt.

An der Ecke zur Münsterstraße stehen die Nordafrikaner, bei ihnen gibt es Haschisch für fünf und Gras für zehn Euro. 200 Meter weiter, vor dem Ghetto-Netto, wie die Einheimischen den Discounter nennen, bekommt man Benzodiazepine, Beruhigungstabletten, für einen Euro das Stück. Auf der Höhe des Nordmarktes, gleich vor dem neuen Ordnungsamt, stehen die Dealer des “Gemischtwarenladens”: Bis 14 Uhr verkaufen sie weiche Drogen, nachmittags und abends auch Crystal Meth und Heroin für vier bis sieben Euro pro Rausch. Außerdem schlechtes Koks. Wer gutes will, muss die Mallinckrodtstraße einen Kilometer weiterfahren, bis zum Borsigplatz. Wo einst der Fußballklub Borussia Dortmund gegründet wurde, ist heute das Territorium der Libanesen. Dort gibt es das bessere Kokain, für 30 Euro und mehr pro Gramm.

Ötzi zog vor 20 Jahren in die Nordstadt. Seine deutschen Freunde arbeiteten damals am Hafen oder mit ihm im Bergbau. Als die Zechen schlossen, gingen die Freunde fort. Ötzi blieb, woanders fand er keine günstige Wohnung. Mittlerweile kann er kaum noch einen Namen auf den Klingelschildern im Viertel korrekt aussprechen. Ötzi war deshalb lange Mitglied in der Partei Die Rechte. Er hat noch immer Kontakt zu den Kameraden, aber aus der Partei ist er ausgetreten. “Da muss man ja ständig auf die Demos mit, und ich hab’s nicht mehr so mit der Luft”, sagt Ötzi und kramt zum Beweis sein Asthmaspray hervor.

Der Libanesen-Jäger heißt Markus Wick, 46 Jahre alt. Er ist Polizeihauptkommissar und leitet den Schwerpunktdienst Nordstadt. 16 Polizeibeamte unterstehen ihm, sie sollen gegen Drogendealer vorgehen, Cafés kontrollieren, das Quartier entkriminalisieren, so weit das möglich ist. Das Wort “No-go-Area” lässt Wick nicht gelten. “Wir gehen da ja rein”, sagt er. Tag für Tag. Klar, es sei ein schwieriges Pflaster. Menschen aus 150 Nationen, viele arm, viele kriminell, das sei schon ein Moloch, sagt Wick.

Wick fährt weiter, zeigt auf ein Café. In manchen Straßen der Nordstadt gebe es nur ein solches “Drecksnest”, in anderen drei oder vier. “Die machen ihre Geschäfte nebenbei”, sagt er. Ein bisschen Hehlerei, ein bisschen Drogenhandel, manchmal Menschenhandel. “Negative Infrastruktur”, sagt Markus Wick.

Zweimal in der Woche öffnet Pfarrer Schocke für ein paar Stunden seine Kirchen. Lieber würde er die Türen ständig offenstehen lassen, denn eine verschlossene Kirche, sagt er, das sei ein Widerspruch in sich. Aber es geht nicht anders. Weil sonst Dealer ihre Drogen zwischen den Kirchenbänken verkaufen würden. Und Junkies sich im Beichtstuhl den nächsten Schuss setzen könnten. Und weil es Menschen gebe, die ihm hinter den Altar kacken würden. Wenn Pfarrer Schocke seine Pforten öffnet, kommen ihm jedes Mal zwei Gemeindemitglieder zu Hilfe, als Aufpasser – damit genau das nicht passiert.

Wick würde auch gerne jeden Tag die rund vierzig Dealer, die in der Münsterstraße Drogen verkaufen, für ein paar Stunden einsperren, dann würden sie die Nordstadt vielleicht verlassen. Weiterziehen, irgendwohin, wo sie den Stoff bequemer verkaufen können. Doch mehr als ein paar Gramm der jeweiligen Droge haben die Dealer selten bei sich. Niemand kann ihnen nachweisen, dass sie den Stoff verkaufen und nicht selbst konsumieren wollen – was nicht strafbar ist.

So geht es weiter, von Haus zu Haus die Straße entlang. Nolls Verbündete ziehen sich zurück, so sieht er das. Die Eisdiele in der Nähe macht seit vergangenem Sommer schon um acht Uhr abends zu statt um elf. Nach Einbruch der Dunkelheit trauten sich keine Kunden mehr her. Auch die Bekleidungskette Zeeman schließt früher, weil das Unternehmen seinen Mitarbeitern nicht zumuten will, im Dunkeln das Geschäft zu verlassen.

In einem Besprechungszimmer des Rathauses, knapp zwei Kilometer vom Nordmarkt entfernt, sitzt der Oberbürgermeister Ullrich Sierau und verliert jede Freundlichkeit. Er ist hier, um mit der ZEIT über die Nordstadt zu reden, aber kaum erwähnt man die Probleme des Viertels, fängt er an zu beben. Die EU-Osterweiterung habe die Stadt zum “Opfer einer völlig verfehlten Eingliederungspolitik” gemacht, sagt Sierau. Die Bundesregierung habe Beschlüsse gefasst und „”einen Scheiß darauf gegeben, ob das funktioniert oder nicht”. Sierau schimpft auf die Kanzlerin, auf ihren Innenminister Thomas de Maizière, auf die EU. Alles Dilettanten. Politiker, die von der Universität direkt in die Bundespolitik wechselten. “Die haben von Tuten und Blasen keine Ahnung, machen aber Gesetze, die für uns relevant sind.” Sie trügen die Verantwortung für die Armutszuwanderung, die Schrottimmobilien, die Verrohung des Viertels, sagt Sierau.

Fühlt er sich als Oberbürgermeister dann überhaupt verantwortlich für die Probleme der Nordstadt? Sierau schaut erst entgeistert, dann empört. “Die Frage ist eine Zumutung!”, schreit er durchs Besprechungszimmer. Man könne ja gerne mit ihm den Job tauschen. “Damit Sie mir zeigen können, wie es richtig geht.

Und heute? Eines der teuersten Viertel im absurd teuren London. “So wird das auch hier sein”, verkündet Ullrich Sierau. Die Nordstadt werde zum Notting Hill Dortmunds.

Zehn Minuten spielen sie dieses Spiel: Rattenklatschen. Sechsmal tritt ein Junge gegen die Tonnen, sechsmal scheucht einer, sechsmal holt einer aus. Sechs Ratten sind tot. In zehn Minuten. Notting Hill ist in diesem Moment sehr weit von der Nordstadt entfernt.

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