Auflösung der „Antifaschistischen Union“ – Ein Nachruf.

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Am 18. November 2018 endete die rund dreizehneinhalb jährige Geschichte der „Antifaschistischen Union Dortmund“, jener Antifa-Gruppe, welche seit ihrem Entstehen Mitte 2005 die linksradikale Politik in Dortmund maßgeblich geprägt hat und als einziger Akteur für eine konstante, dauerhafte Arbeit stand. Während zahllose Antifagruppen oftmals Eintagesfliegen blieben – an dieser Stelle sei an Organisationen wie die „Antinationale Antifa Dortmund (ca. 2008)“„Antifaschistische Jugend Dortmund (ca. 2009)“, den „Antifaschistischen Impuls Dortmund (ca. 2010)“ oder Initiativen wie den „AK Freiraum“ (ca. 2008) oder die „Avanti-Kampagne“ (ca. 2014/15) erinnert, blieb die AUDO über einen fast rekordverdächtigen Zeitraum aktiv. Sie entstand aus ehemaligen Akteuren der „Antifa Dortmund-Nord“, die im Jahr 2003 nicht aus einer „Sommerpause“ zurückkehrte, am Gründungsprozess beteiligten sich weitere Einzelpersonen, die nach dem Tod von Thomas „Schmuddel“ Schulz im März 2005 den Drang verspürten, sich politisch zu betätigen. In einer Gründungszeit, die geprägt von innerlinken Auseinandersetzungen Antiimperialisten gegen Antideutsche aufbrachte, positionierte sich die AUDo eindeutig auf der proamerikanischen und bedingungslos israelsolidarischen Seite, was ihr auch im „eigenen“ Spektrum źahlreiche Anfeindungen brachte. Für Dortmunds Antifa-Arbeit waren diese Anfeindungen sogar so problematisch, dass einheitliche Gegenbündnisse zu rechten Demonstrationen scheiterten und es Parallelveranstaltungen gab, etwa rund um die „nationalen Antikriegstage“ 2009, 10 und 11. Dennoch „überlebte“ die AUDo auch jene Phase, in welcher zahllose antideutsche Antifa-Gruppen so schnell verschwanden, wie sie erstanden waren, in näherer Umgebung sei etwa an die „Kommunistische Gruppe Bochum (KGB)“ oder die Gruppe „Israelsolidarischer Antifaschisten im Sauerland (IKIS)

Isoliert und z.T. mackerhaft, aber prinzipientreu

Es muss schon fast wehmütig festgestellt werden, dass mit der AUDo der einzige, lokale Akteur der linken Szene die politische Bühne verlässt, der noch als eigenständige, autonome Gruppe verstanden werden kann. Während die heutigen Antifagruppen, etwa die „Autonome Antifa 170 (AFA 170)“ oder die „Mean Streets Antifa (MSA)“ eher wie schwarzgekleidete Bürgerliche wirken, die sich gerne als Fußvolk von SPD und Co missbrauchen lassen, um nationalen Versammlungen etwas optischen Gegenprotest entgegenzusetzen, hielten sich die Protagonisten der AUDo häufig eher im Hintergrund. Sie organisierten etwa die jährliche Gedenkdemonstration an Thomas Schulz, die bis 2015 stattfand, sowie die linksradikale Haupt-Gegendemonstration anlässlich nationaler Großevents. Dabei schottete sich die Gruppe in der Tagespolitik ab, verzichtete weitgehend auf peinliche Antifa-Auftritte in Vororten und nutzte stattdessen gelegentlich den „Heimvorteil“, etwa in der Nordstadt, wo nahezu alle Gründungsmitglieder der AUDo ursprünglich wohnhaft waren, aus, um dem ein oder anderen Polizisten Schweißperlen auf die Stirn zu treiben, wenn die Dortmunder Polizeiführung wieder einmal einen Einsatz mit allzu schwachem Personalkontigent geplant hatte und die Beamten vor Ort zusehen durften, einen ordnungsgemäßen Verlauf der rechten Versammlungen durchzusetzen, ohne ein Aufeinandertreffen beider, politischer Lager zuzulassen. Innerhalb der linken Szene war die AUDo eine Art elitärer Vorreiter gegenüber neuen Gruppierungen, allerdings durch die ausbleibende Anbiederung an zivilgesellschaftliche Akteure, die in Dortmund in jeglicher Konstellation eng mit der SPD verbunden sind, vergleichsweise aus Überzeugung selbst isoliert. Im Jahr 2012 eskalierte ein Konflikt zwischen Aktivisten der AUDo und SPD-Oberbürgermeister Ullrich Sierau, während die einen in Sierau einen Hauptschuldigen für ein verhindertes Antifa-Camp sahen, rief der rote Stadtchef den Antifa-Genossen zu, sie sollten ein Aussteigerprogramm durchlaufen und die linksradikale Szene verlassen. Sicherlich, solch ein Verhalten wirkt albern, denn letztendlich stehen Antifa und SPD auf der gleichen Seite der Volksabschaffer, aber wenn rund ein halbes Jahrzehnt später eine Kindergartenantifa quasi zum Stoßtrupp der überalterten SPD geworden ist, bleiben solche Streitigkeiten doch erwähnenswert.

Untrennbar mit der AUDo verknüpft, sind linksradikale Graffiti-Aktivitäten in Dortmund, die vor allem von Moritz Julius B. ausgingen, dessen Bruder Lukas B. zu den Gründungspersonen der AUDo zählte, mindestens seit dem Jahr 2008 wurden nahezu sämtliche Antifa-Graffitis im Stadtgebiet aus diesen Reihen angebracht, teilweise sogar aufwendig mit professionellen Videos versehen, wie zuletzt rund um den „Tag der deutschen Zukunft“ im Jahr 2016. Es ist zwar nicht davon auszugehen, dass dieser Personenkreis in Zukunft die Finger von den Dosen lassen wird, zumindest haben die Aktivitäten in den letzten Jahren jedoch – ähnlich, wie die Gesamtaktivität der AUDo – schrittweise in der Quantität nachgelassen. Während sich die AUDo in ihrer Eigendarstellung für ihre Recherchetätigkeiten rühmte, muss angemerkt werden, dass viele Informationen einer einfachen Nachforschung in sozialen Netzwerken entstammten, wirklich empfindliche Nadelstiche gab es durch „Outings“ selten. Dennoch blieb die AUDo bis heute der einzige Akteur, der sich die Mühe gemacht hat, Informationsstränge zusammenzufassen und in Form von übersichtlichen Artikeln aufzubereiten. Ob andere Kanäle, etwa lokale Blogs, die dem linken Spektrum nahe stehen, in diese Rolle schlüpfen, bleibt abzuwarten. Ebenfalls auf das Konto der AUDo, sowie ihres direkten Umfeldes, gehen einige Sachbeschädigungen, bis hin zu Brandstiftungen an Kraftfahrzeugen, die sich gegen nationale Aktivisten richteten, wobei der Höhepunkt dieser Aktivitäten – von kleineren Ausnahmen abgesehen – sicherlich im Bereich 2009 bis 2012 gelegen haben dürfte, vielleicht war sogar das Verbot des „Nationalen Widerstand Dortmund (NW DO)“ rückblickend ein Umstand, der zu einem Rückgang der Aktivitäten der Gegenseite geführt hat. Während die Beschädigungen fremden Eigentums sicherlich manchmal Ärgernisse hervorriefen, niemand freut sich schließlich über ein abgefackeltes Fahrzeug oder eine beschmierte Hausfassade, gingen Versuche der Linksextremisten, Nationalisten körperlich zu attackieren, oft nach hinten los. Umso unverständlicher wirkte über viele Jahre das Mackergehabe der AUDo, die in ihrer Eigendarstellung den Eindruck vermittelte, „Nazis“ zu stressen, tatsächlich aber in den aller seltensten Fällen einer direkten Konfrontation gewachsen war. Ähnlich, wie die Gesamtaktivitäten, liegt diese „heiße Phase“ jedoch auch bereits über ein halbes Jahrzehnt zurück, parallel zum Gesamtrückgang von Antifa-Strukturen, nahmen auch Attacken und Angriffsversuche aus den Reihen der AUDo deutlich ab. Heiße Zeiten, wie das bewegte Jahr 2010, in dem Antifaschisten eine „Organize“-Kampagne durchführten, bei welcher sie Genossen aus dem Umland dazu motivieren wollten, ihren Wohnsitz nach Dortmund zu legen und deshalb durchaus aktionistisch unterwegs waren, dürften beiden Lagern in Erinnerung bleiben, seinerzeit kam es fast wöchentlich zum Austausch nonverbaler Nettigkeiten. Als etwa 40 Nationalisten im März 2010 das linke „Backyard Café“ der benachbarten „Antifa UNited“ aufmischten, folgte einige Wochen später im Mai 2010 der „Gegenbesuch“ mit einer Spontandemonstration in Dorstfeld, die von Nationalisten wiederum aufgelöst wurde, im Gegenzug attackierten die abreisenden Antifaschisten auf ihrem Rückweg Richtung Innenstadt den damaligen Rechten-Treffpunkt „Rheinische Straße 135 (R135)“, wenig später folgte ein linker Angriff auf Nationalisten in der Nordstadt, im Laufe des Jahres sorgte die aufgeheizte Stimmung im August 2010, sowie einige Monate später im Dezember 2010, für zwei größere Auseinandersetzungen rund um die alternative Szenekneipe „Hirsch-Q“. Auch wenn nicht jeder Vorfall ausschließlich von der AUDo organisiert wurde, war es jedoch eine Hochzeit der Gruppe, in welcher diese maßgeblich für ein politisch aufgeheiztes Klima in der Westfalenmetropole verantwortlich war.

Die Sache mit dem Alter: Zeit für die Antifa-Rente

Doch wie es so ist im Leben, geht jede Zeit irgendwann vorbei. Die Hochphase der AUDo endete vielleicht sogar nach dem Jahr 2011, spätestens jedoch ab 2012 war der Niedergang absehbar. In den letzten Jahren sank zudem die Zahl der Textveröffentlichungen rapide, selbst die Organisation von Gegendemonstrationen blieb zuletzt (etwa im April 2018 anlässlich der „Europa erwache“ – Demonstration) aus. Schon länger war innerhalb rechter Kreise vermutet worden, dass die Hauptakteure, die 2005 die AUDo gegründet haben, nach und nach in das verhasste, bürgerliche Leben abgedriftet sind, zudem wurden Wegzüge von wichtigen Persönlichkeiten bekannt, sowohl aus der Nordstadt, als auch aus Dortmund. In ihrem Auflösungstext räumen die Akteure der AUDo schließlich selbst ein, die Altersgrenze für Antifa-Politik erreicht zu haben, die meisten Protagonisten sind mittlerweile etwa 35 Jahre und älter, ihre Lebenslage hat sich verändert, von der gesunkenen Motivation, die sich in jüngerer Vergangenheit in völlig lustlosen Gegenmobilisierungen gezeigt hat, ganz zu schweigen. Damit zerbricht die AUDo an einem Problem, das sie sich durch Abschottung und vergleichsweise wenige Neuzugänge, die in all den Jahren zu verbuchen waren, selbst geschaffen hat. Auf der einen Seite blieben zwar viele Akteure der AUDo lange Zeit für den politischen Gegner unbekannt, auf der anderen Seite war es aber auch für potentiell interessierte Linke schwer, Anschluss zu finden, von den misstrauischen Verhaltensweisen der Gruppe, die gegenüber Neuinteressenten an den Tag gelegt wurden, ganz zu schweigen. Zwar wird aktuell beteuert, dass sich Einzelpersonen auch in Zukunft politisch engagieren werden, doch die Mehrzahl der erfahrenen AUDo’ler wird wohl erkannt haben, dass es Zeit für die Antifa-Rente ist, fast anderthalb Jahrzehnte den Revolutionär (oder, politisch korrekt, auch: die Revolutionärin, sowie das Revolutionär) zu spielen, ist nicht nur kräftezehrend, sondern steht irgendwann dem bequemen Leben in der verhassten, kapitalistischen Realität im Weg.


Haben einen wichtigen Impulsgeber verloren: Die verbliebene “Reste”-Antifa

Auf (nimmer) Wiedersehen, Antifa Union!

Eigentlich sollten Nationalisten in Freudensprünge verfallen, wenn sich die hartnäckigste Antifa-Gruppe der Stadt auflöst. Und es ist natürlich gut, dass die „Antifaschistische Union Dortmund“ nunmehr Teil der Geschichte wird, statt weiter tagespolitischer Akteur zu sein. Aber: Konkurrenz und Gegnerschaft beleben durchaus auch das politische Geschäft, sie schaffen neue Herausforderungen. Übrig bleiben in Dortmund die sogenannten „Kinderantifagruppen“, die eigene, inhaltliche Positionierungen zu Themenfeldern, die über ein laut gerufenes „Gegen Nazis“ hinausgehen, ebenso vermissen lassen, wie Verhaltensweisen, die auch nur annähernd den verbalradikal vorgetragenen Ansprüchen gerecht werden. Das ist für das politische Tagesgeschäft natürlich bequem und ein Gegner, der nicht ernstgenommen wird, ist im Zweifel überhaupt kein Gegner – zumindest keiner, an dem sich in irgendeiner Form abgearbeitet werden sollte. Der Luxus, Dortmund als antifa-freie Stadt zu sehen, in der es keine ernstzunehmenden Strukturen gibt, sollte aber nicht als selbstverständlich hingenommen werden, sondern ist auch das Ergebnis langjähriger, nationaler Politik, unbeirrt und kontinuierlich in der Öffentlichkeit vorangetrieben. Auch in Zukunft werden sich neue Antifa-Gruppen gründen, andere bald wieder verschwinden und wieder neue Entstehen. Am 18. November 2018 verlor die linke Szene jedoch ihr prägendes Gesicht. Manch einer wird sich bei bürgerlichen Bündnissen nun mangels Alternativen stärker einbringen, einige wenige vielleicht bei den verbleibenden Antifa-Gruppen. Doch es wird eine Lücke geben. Wie groß diese ist, bleibt abzuwarten und kann vielleicht sogar erst in einigen Jahren seriös eingeschätzt werden. Der Antifaschistischen Union Dortmund sei zumindest gesagt: Auf nimmer Wiedersehen, auch euch hat die organisierte, rechte Szene Dortmunds überstanden.

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